Moderation Inklusive

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Seit 10 Jahren gibt es die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Das ist ein gutes Alter, um zu analysieren, was passiert ist – und wo es noch hakt. Mit Michael Herbst als Co-Moderator moderierte ich die Fachkonferenz zu “Inklusion in der Entwicklungszusammenarbeit”. Vorab wurde ich gefragt: Wie moderiert man gemeinsam, wenn nur einer von euch beiden sehen kann? Ich sagte dazu nur: Wo ist denn da das Problem?!

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“Ich bin mit dabei!”

Als mich der Anruf erreichte, ob ich Lust auf diese Moderation habe, habe ich nicht gezögert. “Inklusion in der Entwicklungszusammenarbeit” ist ein so wichtiges Thema, über das viel gesprochen oder geschrieben, aber zu wenig gehandelt und umgesetzt wird. Auch in meiner Zeit bei den Vereinten Nationen in New York bin ich immer wieder über Inklusion im internationalen Kontext gestolpert. Doch Papier ist geduldig. Vor zehn Jahren wurde die UN-Behindertenrechtskonvention beschlossen. Deutschland hat die Konvention mitunter als einer der ersten Staaten ratifiziert. 10 Jahre alt ist sie nun – Ein schöner Geburtstag um einen ersten Blick auf das Vergangene zu werfen und auch weiter einen Ausblick zu wagen, wie in Zukunft die Umsetzung von Inklusion in internationalen Projekten realisiert wird.

Michael Herbst ist Leiter der Anwaltschaftlichen Arbeit bei der Christoffel Blindenmission und engagiert sich für Inklusion in der Entwicklungshilfe. Wenn er vor Mitgliedern des Bundestages im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung oder auf Reisen mit Staatssekretären aus dem Entwicklungsministerium über Inklusion und sein Inklusionskonzept für die Entwicklungshilfe spricht, dann geschieht das immer aus Sicht von Menschen mit Behinderungen. Michael Herbst ist selbst blind.

Veranstaltung BMZ/VENRO Tagung in Berlin. Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretaer. Copyright: Ute Grabowsky/ photothek.net [Tel. +493028097440 - www.photothek.net - Jegliche Verwendung nur gegen Honorar und Beleg. Urheber-/Agenturvermerk wird nach Paragraph13 UrhG ausdruecklich verlangt! Es gelten ausschliesslich unsere AGB.]
v.l.n.r.: Moderatoren Katie Gallus und Michael Herbst im Gespräch mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel.

Mit Michael Herbst moderierte ich die Tageskonferenz in Berlin. Co-Moderation bedeutet, gemeinsam ein Gespräch zu leiten, sich “Stichwörter” und “Bälle” zuzuwerfen, gemeinsam den roten Gesprächsfaden immer weiterspinnen. Meist geschieht das über das gemeinsame Gespräch oder Interview mit den Gästen, über Gestik und Mimik, manchmal über kleine Notizen, die zugeschoben werden. Doch bei dieser Moderation war alles anders, denn die einzige Verbindung waren unsere Stimmen und das Thema. In der Podiumsdiskussion will man auch nicht immer am Ohr des Anderen hängen. Michael und ich ergänzten uns jedoch perfekt. Die gemeinsamen Vorbereitungen auf diesen Tag habe ich gerne in Erinnerung. Gut vorbereitet starteten wir in die gemeinsame Moderation. Wir bewegten uns durch den Konferenzraum, führten durch den Tag und haben bewiesen, wie viel Spaß man trotz manch fehlender Kommunikationsmittel haben kann.

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Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler (m.), Prof. Dr. Degener (BODYS, r. ) und Moderatorin Katie Gallus (l.)

Gemeinsam haben wir zu Themen nachgehakt und die Gäste nicht nur mit Fragen konfrontiert, sondern den Raum für eine kritische Diskussion mit allen Gästen geschaffen.

Michael kennt mich einzig und allein durch meine Stimme. Er kennt nur das von mir und meiner Moderation, was ich an diesem Tag gesagt habe. Er kennt nicht meine Locken, nicht mein Kleid, wohl aber mein Lachen. Er kennt mich nicht so, wie mich andere Besucher kennen und kennengelernt haben. Dennoch erkannte er in meiner Stimme immer sofort, wie es mir geht. Ob ich gleich zum Glas greife, hatte er meist früher gehört, als ich Durst bekam. Ich habe erfahren, wie man sich ohne Blicke verständigen kann. Wie man allein mit der Stimme eine schöne Atmosphäre in einem so großen Raum zaubern kann und sich alle wohlfühlen. Für mich war diese Moderation mit Michael eine ganz besondere – vielen Dank, lieber Michael!

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Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, verstanden wir uns prächtig: Robert (gehörlos) & Katie.

Warum ich das schreibe?

Weil Inklusion noch lange nicht in unserem Alltag angekommen ist. Sie ist für viele noch so weit weg. Und ich verstehe nicht, warum es so wenig Miteinander gibt. Man muss das nicht gleich beruflich sehen, sondern kann im privaten Alltag anfangen. Warum auf der einen Seite ein Rollstuhlfahrer keine Hilfe angeboten bekommt, wenn er sichtlich Schwierigkeiten hat, eine kleine Anhöhung zu überfahren, um ihn herum jedoch etwa 200 Menschen mit Glühweinbechern stehen und ihm keiner Hilfe anbietet. Warum ich selbst innerlich kurz verharre, wenn eine Karrierefrau ohne Arme vor mir sitzt und mir ihre Visitenkarte mit den Zehen gibt. Warum es mich noch tagelang beschäftigt, wie intensiv ich mit einem Gehörlosen nur über die Augen kommunizieren konnte. Wie ich bei dieser Moderation darüber schockiert bin, dass fehlende Inklusion nicht daran liegt, dass wir nicht über die passende Technik verfügen. Die haben wir – Spracherkennung, Dokumente werden vorgelsen, Audio-Deskription, feste Mikrophone, etc.

Die Technik ist  bereits inklusiv.

Nur wie es scheint, sind wir Menschen es nicht.

Die Schere im Kopf, die Scheu auf Menschen mit Handicaps zuzugehen und sie kennenzulernen schwindet nur, wenn man mit ihnen in Kontakt kommt. Es reicht nicht, darüber zu reden oder zu schreiben, wie es funktionieren könnte. Es reicht vielleicht nicht, es einmal zu erfahren, wenn man einem Mann im Rollstuhl über die Schwelle hilft. Vielmehr muss es “normal” werden, damit die Scheren im Kopf nichts mehr trennen. Damit Mensch ein Mensch bleibt und nicht als “Behinderter” in die Schublade im Kopf gesteckt wird.

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Patricia Carl, Bundesvorsitzende des Verbands Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V. und Goldene BILD der Frau – Preisträgerin mit Moderatorin Katie Gallus im Gespräch.

Wir brauchen in der Entwicklungshilfe noch mehr Taten, um Menschen mit Behinderungen als Expert*innen einzubinden. International stehen wir vor viel Arbeit, was die Bildung und Ausbildung angeht: Der Zugang zu Bildung wird viel zu vielen Menschen mit Behinderungen erschwert oder unmöglich gemacht. Bei der Entwicklugnszusammenarbeit, speziell auch durch den Artikel 32 in der UN-Behindertenrechtskonvention, muss Entwicklungszusammenarbeit immer auch inklusiv gedacht werden – mit Projekten, die Menschen mit Behinderungen “empowern”.

Photo Credtis: CBM, Photothek, BMZ.